Das 2000-Watt-Problem: Wo ist meine Kapazität hin?

Sie bauen eine Off-Grid-Solaranlage. Sie kaufen eine gewaltige 200Ah AGM-Batterie und schließen einen 2000W Wechselrichter an, um Werkzeuge oder Haushaltsgeräte zu betreiben. Rechnerisch (200Ah * 12V = 2400Wh) sollte der Wechselrichter deutlich über eine Stunde bei Volllast laufen. In der Praxis schaltet das System aber nach kaum 30 Minuten wegen Unterspannung (Low Voltage) ab.
Ist die Batterie defekt? Höchstwahrscheinlich nicht. Sie sind gerade über den Peukert-Effekt gestolpert.
Der Peukert-Effekt beschreibt einen empirischen Zusammenhang: Bei höherem Entladestrom sinkt die nutzbare Kapazität vieler Batteriesysteme.
Wilhelm Peukert und die Physik dahinter
Der deutsche Elektrotechniker Wilhelm Peukert veröffentlichte 1897 in der „Elektrotechnischen Zeitschrift" seine berühmte empirische Gleichung. Er untersuchte Bleiakkumulatoren und stellte fest, dass die entnehmbare Kapazität nicht linear mit dem Strom abnimmt, sondern einer Potenzfunktion folgt.
Die Peukert-Gleichung: Cp = Ik · t
Dabei ist Cp die „Peukert-Kapazität" (eine Konstante für eine gegebene Batterie), I der Entladestrom in Ampere, t die resultierende Entladezeit in Stunden, und k der Peukert-Exponent — die entscheidende Kennzahl.
Was passiert physikalisch? Bei hohen Entladeströmen laufen in der Batterie mehrere limitierende Prozesse gleichzeitig ab:
1. Diffusionslimitierung: Die Ionen (bei Blei-Säure: Sulfat-Ionen in der Schwefelsäure) müssen von der Elektrolytoberfläche tief in die porösen Elektrodenplatten diffundieren. Bei hohen Strömen wird die Säure an der Oberfläche schneller verbraucht, als sie aus dem Inneren nachfließen kann. Das Resultat: Die äußeren Schichten sulfatieren, während das Innere der Platte ungenutzt bleibt.
2. Ohmsche Verluste: Hohe Ströme erzeugen am Innenwiderstand der Batterie einen Spannungsabfall (V = I × Ri). Dieser Spannungsabfall sorgt dafür, dass die Entladeschlussspannung früher erreicht wird — obwohl chemisch noch Kapazität vorhanden wäre.
3. Passivierungsschichten: Bei Blei-Säure-Akkus bildet sich bei hohen Strömen eine dichte, schlecht leitende PbSO₄-Schicht auf den Elektroden, die den weiteren Ionentransport blockiert. Bei Lithium-Zellen ist dieser Effekt deutlich schwächer, da die SEI-Schicht (Solid Electrolyte Interface) dünner und ionenleitfähiger ist.
Der Modellgrenzfall k = 1,0 würde bedeuten, dass keine strombedingten Kapazitätsverluste auftreten. In der Praxis liegen reale Systeme häufig über 1,0. Je höher k, desto stärker kann die nutzbare Kapazität bei steigendem Strom abnehmen. Referenzbereiche finden Sie in unserer Peukert-Exponenten Referenztabelle.
Der große Irrtum: Peukert (Blei) vs. Voltage Sag (Lithium)
Wenn bei Hochstromanwendungen weniger Kapazität nutzbar erscheint, wird dies oft pauschal dem Peukert-Effekt zugeschrieben. In der Praxis wirken jedoch mehrere Mechanismen gleichzeitig.
Blei-Säure:
Bei Blei-Akkus können hohe Ströme die effektiv nutzbare Kapazität deutlich reduzieren. Der konkrete Verlust hängt stark von Exponent k, Temperatur, Entladeschlussspannung und Batteriezustand ab.
Lithium-Ionen:
Bei vielen Lithiumsystemen ist der Peukert-Einfluss im moderaten Strombereich kleiner als bei Blei. Ein häufiger Abschaltgrund unter Last ist der Spannungseinbruch (Voltage Sag) am Innenwiderstand, der Schutzschwellen von BMS oder Controller früher erreicht. Welche Größe dominiert, hängt jedoch von Chemie, C-Rate, Temperatur und Abschaltlogik ab.
Fakten-Check: Kapazitätseinbußen bei 1C im Vergleich
Wie deutlich sich Chemiesysteme bei hoher Last unterscheiden können, zeigt die folgende qualitative Einordnung. Die Tabelle ist bewusst schematisch und ersetzt keine zell- oder herstellerspezifischen Exponenten- bzw. Entladedaten:
| Batterie-Typ | Stromabhängigkeit der nutzbaren Kapazität | Praxis-Hinweis |
|---|---|---|
| Blei-Säure | Oft deutlich ausgeprägt | Reserveauslegung und Testdaten bei realer Last sind entscheidend. |
| Li-Ion (NMC/NCA) | Häufig geringer als bei Blei, aber nicht null | Spannungseinbruch und Abschaltschwellen separat betrachten. |
| LiFePO4 (LFP) | Im moderaten Bereich oft relativ gering | Bei Kälte und hoher Last trotzdem mit Sicherheitsreserve auslegen. |
Für belastbare Laufzeitprognosen sollten C-Rate, Temperatur, Entladeschlussspannung und BMS-Abschaltschwellen immer gemeinsam betrachtet werden.
Temperatur × Peukert: Der doppelte Kapazitätskiller
Der Peukert-Effekt und der Temperatureinfluss wirken zusammen. Bei Kälte steigt der Innenwiderstand der Batterie, wodurch nutzbare Kapazität und Lastverhalten zusätzlich beeinflusst werden.
Warum Kälte den Peukert-Effekt verschlimmert:
• Die Ionenmobilität im Elektrolyten sinkt bei niedrigen Temperaturen. Dadurch steigt der Innenwiderstand und die Lastspannung fällt früher ab.
• Die Diffusionsgeschwindigkeit der Schwefelsäure in die Bleiplatten sinkt weiter — der Peukert-Effekt wird somit noch stärker als bei Raumtemperatur.
• Bei Li-Ion-Zellen verlangsamt sich die Lithium-Ionen-Diffusion bei Kälte; dadurch verschlechtern sich Hochstromfähigkeit und nutzbare Kapazität unter Last.
Praxisbeispiel Winterbetrieb:
Bei niedrigen Temperaturen und gleichzeitig hoher Last kann die nutzbare Kapazität deutlich unter der Nennkapazität liegen. Für die Auslegung sind deshalb temperatur- und stromabhängige Testdaten entscheidend.
Für winterfeste Off-Grid-Systeme sollte eine konservative Auslegungsreserve eingeplant und mit realen Lastprofilen überprüft werden.
Unser C-Rate & Entladezeit-Rechner hilft dabei, Temperatur- und Lastannahmen transparent in die Laufzeitabschätzung einzubeziehen.

Praxis-Dimensionierungstabelle: Wie groß muss mein Akku sein?
Statt fixer Ah-Pauschalen ist in der Praxis eine schrittweise Auslegung robuster:
| Auslegungsschritt | Frage | Praxis-Hinweis |
|---|---|---|
| 1. Lastprofil | Welche Dauer- und Spitzenlasten treten wirklich auf? | Mittelwert und Peak getrennt erfassen, nicht nur Nennleistung des Verbrauchers. |
| 2. Chemiesystem | Wie stark reagiert die Batterie auf hohe C-Raten? | Datenblattkurven und Peukert-/Lastdaten des konkreten Modells nutzen. |
| 3. Temperatur | Welche Minimaltemperaturen sind realistisch? | Kapazitäts- und Leistungsreserve für Winter- oder Kaltstartbetrieb einplanen. |
| 4. Schutzschwellen | Wann schaltet BMS/Wechselrichter ab? | Abschaltschwellen können die nutzbare Laufzeit früher begrenzen als die Nennkapazität. |
| 5. Sicherheitsreserve | Wie viel Reserve ist für Alterung und Streuung nötig? | Reserve explizit definieren und mit Messdaten im Feld nachvalidieren. |
Warum liegt Blei-Säure in der Praxis oft über LFP bei der nominalen Ah-Auslegung? Häufig wirken stärkere Stromabhängigkeit, konservativere DoD-Grenzen und höhere Temperaturempfindlichkeit zusammen.
Für präzise Berechnungen mit Ihren spezifischen Parametern nutzen Sie unseren C-Rate & Entladezeit-Rechner oder den Akkupack-Konfigurator.
Die praktische Berechnung für Solar und Off-Grid
Wenn Blei-Säure-Batterien eingesetzt werden, sollte die Batteriebank strom- und temperaturkorrigiert dimensioniert werden.
Die Formel lautet: C_p = I^k · t
Will man errechnen, wie lange (t) eine Last (I) in Ampere von einer Batterie mit Nennkapazität (C_nom, typischerweise bei 20h Entladung definiert) betrieben werden kann, lautet die umgestellte Formel: t = (C_nom / 20) / (I / (C_nom / 20))^k * 20 — in der Praxis jedoch unhandlich.
Off-Grid-Hinweis:
Wenn der kurzzeitige Laststrom in den Bereich oberhalb C/5 rückt, sind zusätzliche Reserven in Kapazität und Spannungsniveau meist erforderlich. Die genaue Reserve sollte anhand des realen Lastprofils und der zulässigen Entladetiefe festgelegt werden.
Nutzen Sie unseren C-Rate & Entladezeit-Rechner, um Restlaufzeit und Reserve für Ihre spezifische Stromaufnahme nachvollziehbar abzuschätzen.
Verwenden Sie unseren C-Rate & Entladezeit-Rechner für Ihre eigenen Berechnungen.
Häufig gestellte Fragen
Wie bestimme ich den Peukert-Exponenten meiner Batterie?
Führen Sie zwei Entladetests bei unterschiedlichen, konstanten Strömen durch. Messen Sie jeweils die Entladezeit bis zur Schlussspannung. Aus den zwei Datenpunkten (I₁, t₁) und (I₂, t₂) berechnen Sie: k = ln(t₁/t₂) / ln(I₂/I₁).
Gilt der Peukert-Effekt auch beim Laden?
Beim Laden spielt der Peukert-Effekt eine untergeordnete Rolle. Ladealgorithmen (CC/CV) begrenzen den Strom ohnehin. Allerdings steigt bei hohen Ladeströmen die Wärmeentwicklung und die Ladeschlussspannung wird früher erreicht, was die effektive Ladung reduzieren kann.
Kann ich den Peukert-Effekt bei Lithium-Ionen ignorieren?
Nicht pauschal. Bei moderaten C-Raten ist der Effekt oft kleiner als bei Blei-Systemen. Bei hohen C-Raten sowie bei niedrigen Temperaturen sollte er jedoch in der Auslegung berücksichtigt werden.
Warum ist der Peukert-Effekt bei Blei-Säure oft stärker ausgeprägt?
Blei-Säure-Batterien zeigen unter hohen Strömen häufig stärkere Diffusions- und Polarisationsgrenzen als viele Lithiumsysteme. Die langsame Diffusion der Schwefelsäure durch die porösen Bleiplatten kann dazu führen, dass das Innere der Bleiplatten bei hohen Strömen weniger zur Reaktion beiträgt. Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt jedoch von Batteriebauart, Temperatur und Entladeprotokoll ab.
Hat der Peukert-Exponent eine Einheit?
Nein, der Peukert-Exponent k ist eine dimensionslose Zahl. Er ist ein reiner Exponent in der Potenzfunktion Cp = Ik · t. Da k dimensionslos ist, kann er grundsätzlich zwischen Batterietypen verglichen werden; die Aussagekraft hängt aber von Messmethode und Testbedingungen ab.
Wie verhält sich der Peukert-Effekt bei Natrium-Ionen-Batterien (Na-Ion)?
Der Bereich ist stark material- und zellabhängig. Für Na-Ion-Zellen sollten Peukert-ähnliche Effekte aus Herstellerdatenblättern oder Laborentladekurven abgeleitet werden, da die Technologie aktuell eine hohe Variantenbreite zeigt.
Wie wirkt sich der Peukert-Effekt auf die Reichweite von Elektrofahrzeugen aus?
Der direkte Peukert-Anteil ist bei vielen modernen EV-Zellen begrenzt, aber nicht null. In der Praxis wirken zusätzlich Fahrwiderstände, Temperatur, Leistungsanforderung und Spannungsabfall unter Last auf die nutzbare Reichweite.
Quellen und Referenzen
- Peukert, W. (1897): „Über die Abhängigkeit der Kapazität von der Entladestromstärke bei Bleiakkumulatoren", Elektrotechnische Zeitschrift 18, S. 287–288
- Doerffel, D. & Sharkh, S.A. (2006): „A critical review of using the Peukert equation for determining the remaining capacity of lead-acid and lithium-ion batteries", Journal of Power Sources 155(2)
- IEC 61427-1:2013 — Sekundärzellen und -batterien für die Speicherung erneuerbarer Energien
- Omar, N. et al. (2012): „Peukert revisited — Critical appraisal and need for modification for lithium-ion batteries", Energy 41(1), S. 389–397
- Shepherd, C.M. (1965): „Design of primary and secondary cells — an equation describing battery discharge", Journal of The Electrochemical Society 112(7)